Zum 50. Todestag des großen Theologen Reinhold Niebuhr

Heute vor 50 Jahren starb der große Theologe Reinhold Niebuhr in Stockbridge/Massachusetts. Der in einem deutsch-protestantischen Umfeld aufgewachsene Theologe hatte einen enormen Einfluss auf die Entwicklung der amerikanischen Theologie sowie auf die Außenpolitik der USA im beginnenden Kalten Krieg. Dazu war er ein Aktivist, der sich für soziale Belange einsetzte und während des Dritten Reiches sozialistische Emigranten im Widerstand gegen Nazi-Deutschland in den USA unterstützte und vielen europäischen Juden im Verbund mit seinen Freunden und Kollegen zur Flucht in die USA verhalf. Niebuhr, der oft als einer der geistigen Väter von Kennans Containment-Politik betrachtet wird, war wahrhaft interdisziplinär unterwegs. Seine Theologie war nicht von einer systematischen Tiefe wie die eines Paul Tillich oder eines Karl Barth, aber dafür war sie auf soziale Fragen beziehbar. Praxis war Niebuhr wichtiger als jede elaborierte Theorie. Niebuhr steht für seine Kontakte zur Roosevelt-Administration und unterstützte dessen Frau Eleanor in ihren humanitären Bemühungen um die Flüchtlinge vor den Nazis.

In Deutschland ist Niebuhr heute vor allem durch sein Gelassenheitsgebet bekannt. Dabei war er nach dem Krieg bei deutschen Staatsmännern und Intellektuellen ein Begriff. Nicht nur Bundespräsident Theodor Heuss bezog sich auf ihn, sondern auch Willy Brandt und Golo Mann. Sein Magnum Opus The Nature and Destiny of Man kann als Ausgangspunkt für die heute etablierte Disziplin der Politischen Theologie betrachtet werden. Sein pluralistisches Bild vom Menschen ist von enormer Bedeutung in einer Zeit, in welcher sich das Bild des Menschen als durch Sprache, Normen und Regeln steuerbare Einheit, der homo sociologicus, in den Sozialwissenschaften und öffentlichen Verwaltungen durchgesetzt hat. Niebuhr führt einen christlich begründeten moralischen Individualismus mit einer Sozialethik zusammen. Damit stellt er sich sowohl gegen reaktionäre nationalistische Ideologien als auch gegen Ideologien, die durch kollektivistische Ideen Gerechtigkeit herzustellen beabsichtigen.

Die pessimistische Anthropologie steht für Niebuhr genauso wie seine Hoffnung auf einen moderaten sozialdemokratischen Staatsaufbau. Barack Obama, Jimmy Carter, John McCain und andere berufen sich in ihren Weltanschauungen auf Aspekte des Niebuhrschen Christlichen Realismus. Am 1. Juni 1971 starb er. Es lohnt sich, seiner und seines Werkes zu gedenken.


Mehr zu Reinhold Niebuhr

Forthcoming: Christoph Rohde (ed.): Religion and the Democratic State in Reinhold Niebuhr's Christian Realism. Wiesbaden: Springer VS: 

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